Archiv für den Monat: November 2005

Merkels Regierungserklärung

Zitat:

„Ich möchte Bundeskanzler Gerhard Schröder ganz persönlich danken dafür, dass er mit seiner Agenda 2010 mutig und entschlossen eine Tür aufgestoßen hat, unsere Sozialsysteme an die neue Zeit anzupassen.“ Merkel kündigte an, diese Reformen fortzuführen.

Na, da hätten wir uns die Wahl ja komplett sparen können. Schließlich hat Schröder ja genau diese Reformen durch die Wahl bestätigt wissen wollen …

Web 2.0

In der Dezember Ausgabe der de:bug gibt es einige Artikel zum Thema Web 2.0 (Mega-kurz-Zusammenfassung: Web 2.0 beschreibt das Konzept, dass Web Teilnehmer nicht mehr Nutzer oder Anbieter, sondern gleichzeitig Nutzer und Content Lieferant werden. Beispiele hierfür sind Blogs, Wikis, P2P-Dienste usw.). Witzig: Der aktuelle (30.11.) Wikipedia Eintrag zu Web 2.0 ist unsagbar unverständliches Geschaller. Mal sehen, wann sich jemand erbarmt und den Artikel neu schreibt.

New Economy die 4.

Gerade eine Stunde damit zugebracht, alte Abschiedsmails zu lesen. Bei Pixelpark war es üblich, am letzten Tag – neben der Party – eine mehr oder minder nette Mail zu schreiben. Liest sich im Rückblich sehr interessant.
Einiger dieser Mails haben es zu Artikeln in der de:bug und brand1 gebracht. Wenn ich mich richtig erinner, gab es sogar in der brand1 einen Antwortartikel auf einen Abschiedsartikel in der de:bug – so oder so ähnlich.
Heute wohl nicht mehr vorstellbar sowas …

Das neue Projekt: Testplanung

Nachdem wir einige Klippen umfahren mussten, sind wir dank Timeboxing wieder im Zeitplan. In genau einer Woche soll die Lieferung erfolgen. Da wird es langsam Zeit, die Testfälle zu definieren. Leider versteht die Fachabteilung nicht wirklich, dass dies auch ihr Job ist und gibt nur wenig Input. Egal. Auf Basis des Anforderungsdokumentes gehe ich einfach die vorhandenen Anforderungen durch und erstelle eine grobe Testfallübersicht.
Manche QS Abteilungen treiben einen in de Wahnsinn. Die Testfälle sind so detailiert beschrieben, das ein 7 jähriger sie durchführen könnte. Aber an statt, was sich anbieten würde, Die Tests anschließend automatisch ablaufen zu lassen, werden die manuell durchgehechelt – und nicht von 7-jähigen.
Ich werde mal ein wenig mit Webtest rumspielen. Mal schauen, ob es mit gefällt.

1000 Fehler in der Projektleitung: 17

Kein Problem, wir holen die Zeit auf, in dem wir das Team kurzfristig vergrößern
Wenn solch ein Satz fällt, sollte man eigentlich aufstehen und gehen. Angenommen, ein Rennleiter sagt mitten in einem Formel 1 Rennen: „Ab Runde 20 wird es besser, da tauschen wir den Motor“. Was würde man denken? Richtig: Das wird wohl nix. Genauso wenig kann man mitten im Rennen die Boxencrew austauschen. Die Crew hat über Monate hinweg geprobt und kann sich – nein, sie muss sich, blind aufeinander verlassen können. Die Entwicklungsmanschaft zu vergrößern ist meist ähnlich fatal. Es gilt die alte Regel: Adding manpower to a late project makes it even more late.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wenn sowohl regelmäßige Überstunden als auch Vergrößerung des Teams genau das Gegenteil bewirken, wie kann man ein aus dem Projektplan laufendes Projekt retten?!?
1. Besser planen. Ok, dafür ist es dann zu spät, aber es ist trotzdem besser, erst gar nicht in so einen Schlamassel reinzulaufen. Manche Situationen kann man einfach nicht mehr retten.
2. Problemanalyse. Manchmal sind die Ursachen für Verzug schnell gefunden. Ein wenig mehr Infos, besseres Reporting und plötzlich sieht die Welt besser aus. Bevor man in Aktionismus ausbricht sollte man die Ursachen des Verzuges genau kennen.
3. Projekt neu strukturieren. Man kann bestehende Teams nicht vergrößern, aber vielleicht kann man Teilprojekte identifizieren, die man einem komplett neuen Team geben kann. Möglicherweise kann man die Arbeit besser zwischen den bestehenden Teams verteilen.
4. Timeboxing. Der Zieltermin ist nicht mehr verhandelbar? Vielleicht aber der Projektinhalt! Es gibt die berühmte 80/20 Regel: 20 Projekt der Features benötigen 80 Prozent der Zeit. Eventuell lassen sich einige Features um ein Release verschieben.
5. Rechtzeitig den Stecker ziehen. Auch wenn es hart ist: Es gibt Projekte die man besser komplett neu aufsetzt. Wenn das Pferd tod ist, steig vom Sattel.

1000 Fehler in der Projektleitung: 16

Die Überstundenfalle
Es gibt unzählige Untersuchungen zum Thema Überstunden. Eindeutiges Ergebnis: Regelmäßige Überstunden sind ein großer Produktivitätskiller! Vor einigen Zeit, als Leiter einer Softwareabteilung mit rund 40 Mitarbeitern kam mein Geschäftsführer auf mich zu:
Geschäftsführer:“Du, wir müssen da mal was machen. Deine Leute sind gar nicht motiviert“
Ich:“Huch, wieso denn das? Wir haben doch die super knappe Timline geschafft, wir haben 0 Fluktuation und der Zusammenhalt ist super“
GF:“Also ich war gerade im Großraumbüro und es war komplett leer – und dabei haben wir doch erst 19:00 Uhr“
Wie kommt es zu so einer Wahrnehmung? Die Brutto-Arbeitszeit von Führungskräften ist sehr hoch. Zähle ich alles zusammen, komme ich persönlich – je nachdem in welcher Rolle ich gerade arbeite – ohne Probleme auf über 60 Wochenstunden (und ich bin ein fauler Sack). Aber: Davon verbringe ich vielleicht 10 Stunden im Flugzeug, 15 Stunden in Warteräumen, Zeit in Zügen, Autos, auf dem Weg zwischen zwei Meetings etc. pp. Wirklich produktiv an der Tastatur/im Meeting bleiben netto vielleicht noch 20-25 Stunden pro Woche übrig, wenn überhaupt.
Und das ist das Problem. Viele Führungskräfte denken, wenn ich erst um 21:00 Uhr Feierabend mache, warum sollte der Programmierer/IT Architekt usw. früher gehen dürfen? Ganz einfach: Es ist absolut unmöglich, für solange Zeit produktiv zu sein. Realistischerweise kann man damit rechnen, das ein Mitarbeiter 5 Stunden pro Tag und 4 Tage pro Woche wirklich arbeitet. Den Rest der Zeit verbringt er an der Kaffeemaschine, am Kopierer in lockeren Gesprächen usw. Kurzfristige Überstunden sind in unserem Job notwendig und sinnvoll – auch ein Wochenede kann eine Deadline retten. Aber regelmäßige Überstunden führen zu nichts. Ganz im Gegenteil. Unser Körper bleibt stur bei 5StundenX4 Tage – egal, was wir versuchen. Mit der Zeit wird nur die verlorere Zeit – also die an der Kaffeemaschine etc. – immer mehr.
Schlimmer noch: Wer längere Zeit 12-Stundentage hinter sich gebracht hat, wird irgendwann ständig müde. Ergo: Er wird immer unproduktiver. Ergebnis: Er arbeitet 13 Stunden um sein Pensum zu schaffen. Ergebnis: Er wird noch müder. Ein Teufelskreis … Am Ende merkt man spätestens am hohen Krankenstand, dass irgendwas schief läuft – der Körper weiß nämlich, wie er sich seine Ruhezeiten erkämpft!
Hier ist ein klarer Schnitt wichtig. Vor allem ist hier der Projektleiter in der Verantwortung. Abgesehen davon, dass die Produktivität bei steigenden Kosten immer weiter sinkt: Es gibt ein Arbeitszeitschutzgesetz und eine Fürsorgepflicht der Vorgesetzten. Da steht man schon mal mit einem Bein im Knast wenn der Mitarbeiter übermüdet gegen einen Baum gefahren ist.
Es klingt absurd, aber es funktioniert tatsächlich: Wenn man merkt, dass das eigene Team trotz ständiger Überstunden die Zeitpläne nicht schafft gibt es nur eine vernünftige Reaktion: Die Leute nach Hause schicken. Um 18:00 Uhr die Bürotür abschließen und nicht vor 09:00 Uhr am anderen Tag wieder öffnen. Solange, bis die Produktivität wieder steigt. Wenn gar nix hilft, kann man die Leute auch mal in einen Klettergarten sperren um sich auszutoben.
Nochmal: Überstunden sind nicht prinzipiell schlecht, sondern Teil unseres Jobs. Aber sie sind ein Sprint. Unserer Projekte sind Marathons. Und dort rächt sich ab KM 35 das zu hohe Tempo der ersten 30 KM. Ein guter Projektleiter weiß, wie weit er die einzelnen Mitarbeiter fordern kann und richtig seinen Projektplan danach.

1000 Fehler in der Projektleitung: 15

Man kann seine Kunden ruhig ernst nehmen
Freitag, 18. November. Ich habe Home-Office Tag. Also sitze ich vor meiner Buchhaltung und habe schlechte Laune als das Telefon klingelt.
Er: „Guten Tag, Schulz vom DWA. Sie haben vor einigen Tagen ihre Adresse bei uns hinterlassen (Anmerkung: Ach, hatte ich? Ich dachte, es sei ein unabhängiges Internetportal gewesen). Ich schaue grad‘ mal nach… am 27.10.. Sie interessieren sich für eine Rentenversicherung, da würde ich gerne mal einen Termin mit Ihnen machen“
Ich: „Vielen Dank, aber ich habe in der Zwischenzeit schon einen Vertrag abgeschlossen“ (ist ja auch 3 1/2 Wochen her…)
Er: „Sie kennen uns ja bestimmt. Wir sind Marktführer (etc. pp.) und vergleichen bis zu 3 Milliarden Angebote“
Ich: „Also um das nochmal zu wiederholen, die Geschichte ist durch. Wenn Sie mich vor 3 Wochen angerufen hätten…“
Er: „Wir könnten aber bei Ihnen bestimmt auch noch Geld rausholen“
Ich:“Nochmal: Vor 3 Wochen wäre das bestimmt interessant gewesen“
Er:“Und wir…“
Ich:“Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag“

Ein Gespräch aus dem Lehrbuch wie man nicht mit seinen Kunden umgeht…
1. Wenn ich eine Beratung wünsche, möchte ich diese vermutlich schnell und nicht erst über 3 Wochen später. Das da andere Verkäufer schneller sind ist wohl kein Wunder, oder? Ich fühle mich dann schon zum Start des Gespräches nicht gerade als Top-Kunde. Eher so in der Art „Oh, das Jahr ist bald vorbei, ist habe meine Ziele noch nicht erreicht, welche Karteileichen hätte ich denn so“.
2. Es schadet nichts, seinem Kunden auch mal zuzuhören. Offensichtlich hat der Mensch einen Gesprächleidfaden vor sich gehabt und einfach vorgelesen. Ich bin vielleicht etwas verwirrt ob der späten Reaktion? Egal! Vermutlich hätte ich auch antworten können, dass eine Rentenversicheung für mich nicht mehr interessant ist, da ich nächste Woche meinen Selbstmord plane und er hätte trotzdem von den tollen Einsparmöglichkeiten gesprochen.

Die erste Regel bei der Kundenführung: Gib dem Kunden das Gefühl, sein Problem verstanden zu haben. Es ist sein persönliches Problem, so trivial es einem Außenstenenden auf dem ersten Blick vielleicht erschienen mag. Für den Kunden ist es wichtig und daher erwartet er auch, dass der Dienstleister es wichtig nimmt. Tatsächlich ist oftmals weniger die super-duper Lösung wichtig – die haben eh‘ alle im Angebot. Wichtig ist wirklich, dass der Kunde merkt: Ok, er hat verstanden was ich will und kann mir helfen.
Die zweite Regel: Hinter jedem Projekt stehen Menschen. Manchmal prügelt man ein Projekt ohne Rücksicht auf Verluste durch und vergisst die Personen dahinter. Es gibt Kunden, die sind zufriedener, wenn man ein Projekt zur gegebener Zeit abbricht – weil es ihnen mehr hilft als wenn etwas geliefert wird was sie gar nicht mehr brauchen…

Wie aus kleinen Fehlern große Halbwahrheiten werden

Stanley Milgram war ein sehr kreativer Kopf. Wer ihn nicht kennt: Er war ein amerik. Psychologe der durch einige berühmte Experimente bekannt geworden ist.
Unter andere hat er in seinem „Small-World“ Experiment Briefe an viele Personen verschickt mit der Bitte, diesen Brief an einen bestimmten Empfänger weiterzuleiten. Diese eine Person war den ersten Empfängern des Briefes nicht bekannt. Sie hatten nur Name und Adresse. Also sollten sie den Brief an einen Bekannten schicken, der schickt ihn weiter und irgendwann landet der Brief bei dem Empfänger.
Heraus kam folgendes:
1. Viele Briefe kamen nicht an (in einem Experiment kamen nur 3 von 60 Briefen an)
2. Wenn Briefe ankamen, ging die Kette im Durchschnitt über ca. 6 Personen

Das immer wieder gerne weiterverbreitete Ergebnis: Alle Menschen kennen sich untereinander über eine Kette von höchstens 6 Personen.
Diese Aussage kennen wahrscheinlich viele, oder? Das Witzige: Milgrams Experiment gibt das aber gar nicht her! Dafür gab es z.B. viel zu viele Briefe, die den Empfänger nicht erreicht haben. Bei einem Versuch im Jahr 2003 per E-Mail kamen 384 von 24163 Briefen an – auch kein gutes Ergebnis (Details siehe auch hier – übrigens ein super Buch).
Unser Gefühl sagt uns, dass die Aussage „jeder kennt jeden über 6 Ecken“ gut klingt, darum glauben wir es. Aber es ist eine nicht bewiesene Behauptung.

Wie ich darauf komme? Ich lese gerade das Buch Tipping Point. Auch hier wird das Experiment falsch wiedergegeben. Zu allem Überfluss werden einige Details völlig falsch wiedergegeben. Man erhält z.B. den Eindruck, dass alle Briefe den Empfänger erreicht hätten.
Mich ärgert soetwas immer maßlos. Wenn ich in einem Buch einige solcher Pseudo-Fakten erkenne, wieviele Behauptungen erkenne ich nicht? Was ist mit den anderen in dem Buch erwähnten Fakten? Kann ich dem Buch überhaupt noch trauen? Schade, es liest sich ganz gut…

Glaubwürdigkeit ist hart erarbeitet und schnell verspielt