Archiv für den Monat: Februar 2012

Die Welt ist sehr, sehr klein

Es gibt eine Regel, die ich immer wieder gerne jedem Junior PM ans Herz lege, der gerade kurz davor ist, einem Marketing-Menschen ein Messer in den Rücken zu rammen: „Man trifft sich immer mehrfach im Leben“.
Also sollte man sich Gedanken machen, wie man gerne in Erinnerung bleibt. Und Menschen neigen zu Vereinfachung. Im Gedächtnis bleibt also nur „mochte ich“, „mochte ich nicht“ „trug immer unmögliche Krawatten“.

Also, die Welt ist klein. Hierzu eine kleine Anekdote:
Nach einer wunderbaren Woche in New York fliege ich mit der ebenfalls wunderbaren Singapore Airlines zurück. Beim einchecken erquatsche ich mir einen Platz am Notausgang – alles perfekt.

Neben mir sitzt ein Deutscher der von der ersten Sekunde an losplappert. Aber gut, 8 Stunden sind eine lange Zeit und wenn man sich dabei unterhalten kann, warum nicht.

Irgendwann fragt er mich, was ich mache. Ich antworte, ich sei selbständiger IT Berater und arbeite aktuell für „großer Konzern“. Seine Reaktion: „Hey, kennst Du denn auch den Andreas (Name von der Redaktion geändert)“. Meine spontane Reaktion auf solche Fragen ist normalerweise „Nein, und die anderen 20.000 Mitarbeiter auch nur flüchtig“.

Tja, tatsächlich saß Andreas jedoch 9 Monate bei mir im Büro.

Amok

Mein Gegenüber versucht neue Anforderungen bei mir unterzubringen. Wir sind kurz vor der Auslieferung, daher ist es natürlich viel zu spät. Mehrere Fristen wurden versäumt. Abgesehen davon hat der gute Mann absolut keine Ahnung von dem Produkt – was ihn aber nicht stört.

Ich: „Sorry, wir haben euch 5 Fristen gesetzt, die ihr alle ignoriert habt. Wir können leider nichts mehr ändern“
Er:“Wir brauchen das aber. Ihr macht doch Scrum. Dann muss das doch geh….

Ich spring mit einem Satz über den Schreibtisch und reiße ihn im Falle vom Stuhl. Mit dem ersten Schlag entferne ich ihm 2 Schneidezähne. Anschließend spanne ich seine Finger in den Aktenvernichter ein. Er wehrt sich, aber keine Chance.
Ich:“Jetzt ein für alle Mal! Agile Vorgehensweise bedeutet nicht, dass man ohne Plan und Regeln vorgeht“. Sein Blut spritzt mir ins Auge, ich ignoriere das aber. „Agile Prozesse basieren auf Eigenverantwortung, klare Rollen und Vereinbarungen. Und daran hält man sich“. Er fängt an zu wimmern. „Außerdem solltest Du mit Deinen 5 Monaten Berufserfahrung einfach mal die Klappe halten und nicht so arrogant rumlaufen. ich habe in den letzten 15 Jahren Projekte gemacht, da träumst Du nur von. Und jetzt weg mit Dir“.

… „en“.
Ich:“Wir prüfen das natürlich“.

Aber manchmal wäre Vorgehen 1 schöner …

Kennzeichen für aktive Scrum-Nutzung

Mein aktueller Kunde führt seit einiger Zeit in einem Unternehmensteil Scrum ein. Anfänglich war ich ein wenig skeptisch, in wie weit ein großer Konzern das schnell umsetzen kann. Bislang war der Konzern eher als Tankschiff denn als Schnellboot unterwegs.

Die Einführung erfolgt sehr schlau. Nicht über Zwang, sondern durch ständige Schulungen, Vorträge und weitere Ermunterungen.

Woran man messen kann, kann es umgesetzt wird? Ganz einfach. Geht man durch die Flure, findet sich in immer mehr Projektbüros ein Scrum Task-Board an einer Wand.
Woran man erkennt, dass es auch gelebt wird? Das Board wird tatsächlich genutzt und zeigt den aktuellen Projektstatus an.

Spannend, dass wirklich physikalische Boards mit Pappkarten genutzt werden und nicht irgendwelche Tools um das alles online zur Verwalten (wo hier eh‘ schon sehr viel JIRA genutzt wird). Aber das deckt sich mit meiner Überzeugung, dass die besten Projektmanagement Tools immer noch Papier und Bleistift sind …

Wider dem Aktionismus

„Guten Tag lieber Guerilla-PM. Schön, dass Sie uns bei dem Projekt unterstützen wollen.“
„Gerne“
„Sagen Sie, angenommen, wir würden Sie jetzt nehmen. Was machen Sie zuerst.“
„Nun, ich lerne natürlich erstmal das Team kennen, schaue mir die Aufgabe an und sammel so viel Informationen wie möglich“
„Ja ja, aber wir haben ja echt riesige Probleme und müssen das Projekt dringend aufräumen bevor es scheitert. Was sind also ihre ersten Aktionen“
„Meine erste Aktion ist, dass ich mir einige Zeit lang anschaue, wie im Projekt gearbeitet wird“
„Was? Nein, Sie müssen doch sofort tätig werden. Wir haben doch keine Zeit!!!“
„Nein, das werde ich leider nicht machen“
„Unfassbar. Sie wurden mir wärmsten empfohlen und jetzt muss ich mir so einen Unfug von Ihnen anhören“
„Und was glaube Sie, soll ich machen? Wie soll ich Sachen verbessern, wenn ich nicht weiß, was ich verbessern soll? Wie soll ich Schwachstellen ausräumen, wenn ich sie nicht sehen kann? Klar kann ich sofort irgendwelche Aktionen aus dem Beraterkasten rausholen. Aber wollen Sie Beratertheater, oder echte Hilfe?“
„Wie bitte?“

Ok, also nochmal etwas langsamer:
Aktuell scheint es Mode zu sein, Aktionismus massiv überzubewerten. Es kommt nicht auf das Ergebnis an, es kommt nicht auf gute Ideen an – es kommt auf Aktionen an. Neue Leute werden in Projekte geholt und diese Leute rauschen ohne auch nur ansatzweise etwas über die Historie zu kennen durch das Projekt durch und hinterlassen mehr Schaden als Nutzen.

Aber warum kommt man damit durch? Warum wird so ein sinnfreier Aktionismus nicht bestraft? Ganz einfach. Aktionismus = Sichtbarkeit. Später wird man hören „Ja, wir haben 2 Jahre Verzug. Aber ohne das mutige Eingreifen des Herrn XY wären es vermutlich 5 Jahre geworden“. Vielleicht. Vielleicht aber auch nur 6 Monate …

Projektleitung und Talent

Vor einiger Zeit habe ich mal – in einem komplett anderen Zusammenhang – nachfolgenden Text geschrieben. Bevor der Text sich in Luft auflöst, hier ist er:

Ich bin ein unglaublich schlechter Zeichner, auch wenn ich mich persönlich für einen kreativen und künstlerischen Menschen halte. Meine Kreativität findet aber seine Grenzen wenn, wenn es darum geht, ein Stück Papier oder eine Leinwand mit Farbe zu füllen. Mit genügend Training kann ich zwar zumindest einigermaßen erkennbare Strichzeichnungen zu Papier bringen, mir fehlt aber leider komplett das Talent.

In der Kunst der Projektleitung ist es ähnlich. Ohne Talent für die Sache wird es schwierig, sehr schwierig. Dies ist die traurige Wahrheit: Keine Schulung, keine Zertifizierung und kein Buch der Welt wird aus einem untalentierten Projektleiter einen guten Projektleiter machen. Völlig egal, ob jemand an seiner Wand PRINCE 2, PMP, GPM oder irgendein anderes Dokument hängen hat. Solche Schulungen machen aus einem schlechten Projektleiter höchstens einen mittelmäßigen Projektleiter – mehr aber auch nicht.

Ist das ungewöhnlich? Nein, natürlich nicht. Ohne Talent wird man es in keiner Branche wirklich weit bringen. Es gibt keine guten Lehrer, keine guten Ingenieure, keine guten Köche, die nicht auch ein Talent für ihren Beruf (der dann hoffentlich auch eine Berufung ist) mitbrächten.

Ist das tragisch? Leider ja! Denn während z.B. ein wirklich schlechter Lehreramtsstudent nach seinem Studium im Refrendariat die Möglichkeit hat zu erkennen, dass seine Berufswahl falsch war hat ein schlechter Projektleiter im schlimmsten Fall mehrere Projekte in den Sand gesetzt, mehrere Millionen Euro pulverisiert und sein halbes Team in den Burn Out getrieben – um anschließend wegbefördert zu werden der Hoffnung. er werde in der neuen Position weniger Schaden anrichten…