Archiv für den Monat: August 2010

Sarrazin und die Medien

Wer die letzten Tage nicht unter einem Stein gelebt hat weiß, dass Herr Sarrazin ein Buch geschrieben hat.

Dieses Buch beinhaltet – liest man die Ausschnitte – eine strunzdumme rassistische These verpackt in vielen Statistiken.

So weit so dumm. Man muss nur das Interview in der Welt lesen um zu sehen, dass der Herr ein offensichtlich ein Rassist ist. Für Schnellleser: Er spricht von nationalen Identitäten und antwortet im nächsten Satz auf die Frage ob es „genetische Identitäten gebe“ mit dem Satz „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden“. Natürlich sagt er von sich, er sei kein Rassist. Wer das Interview liest, bekommt ein anderes Bild.

Was ich nun aber beim besten Willen nicht verstehe: Warum bekommt so ein Mensch so viel Platz in den Medien? Und noch schlimmer. Warum hat sein Buch bei Amazon >70 sehr positive Kritiken.

Ist es jetzt so weit? Sollte ich doch noch mal darüber nachdenken, dieses nette Hotel in Neuseeland zu kaufen?

Der Neue Personalausweis ist … also … oder doch nicht

Das ARD Magazin übte gestern Skandal. Hui, da hatten sie in Zusammenarbeit mit dem CCC herausgefunden, dass der Neue Personalausweis unsicher ist. Na, da war ich aber neugierig. Ich meine, an dem Ding wird ja nicht gerade seit gestern gearbeitet. Haben hunderte von IT- und Sicherheitsexperten Mist gebaut?

Was ist also los? Nun, man kann den Neuen Personalausweis mit einem Lesegerät am Computer nutzen. Es gibt verschiedene Anwendungsfälle. So kann man (auf Wunsch) den Ausweis auch als Signaturkarte nutzen. Oder man kann – über eine 3. Stelle (den eID-Provider) – Seine Adressdaten direkt an den Onlineshop schicken.

Es gibt 3 Sicherheitsklassen von Lesegeräten. Die einfachste – und unsicherste – Version besitzt weder Display noch Tastatur. Da man zum Auslesen der Daten eine PIN benötigt, würde man die PIN in diesem Fall nicht im Gerät, sondern am Computer eingeben. Mit der sichersten, und teuersten, Version des Lesegerätes kann man kann Onlinebaking machen und seine Geldkarte auslesen.

Die Technischen Spezifikationen zum Ausweis schreiben, dass ein Lesegerät ohne Tastatur natürlich nicht so sicher sein kann, schließlich benötigt man den Computer und dieser kann ja kompromitiert sein.

Und genau diese nicht nur bekannte, sondern dokumentierte Tatsache war eigentlich der Inhalt des Berichtes. Super… In letzter Zeit scheint es Mode geworden zu sein, große IT Vorhaben ohne jeden Sachverstand zu kritisieren. Wer sich mal einen lustigen Nachmittag machen möchte, liest erst die Richtlinien zu De-Mail und dann die verschiedenen Kritiken dazu – er wird den Eindruck haben, dass es verschiedene Spezifikationen geben muss – oder die Kritiker die Spezifikationen entweder nicht gelesen oder nicht verstanden haben.

Das Problem ist halt, dass man viele Lesegeräte verteilen möchte, aber auf die Kosten geschaut hat. Und daher werden die preiswerten Geräte ohne Tastatur von mehreren Stellen kostenlos verteilt. Ja, da kann man drüber diskutieren. Auf der anderen Seite braucht man die teuren Lesegeräte halt für viele Dinge gar nicht.

Aber das daraus ein so extremes Rauschen im Blätterwald wird finde ich schon bemerkenswert.

Christoph Schlingensief

Wir schreiben Anfang der 90’er – 92? 93? Ich gehe mit einer Freundin in ein Programmkino (Camera in Dortmund) um mir Terror 2000 anzuschauen. Ich habe keine Ahnung, worum es geht und von wem der Film ist. Aber der Titel klingt gut und ich vertraue meiner Begleiterin deren Geschmack meistens gut ist.

Der Film ist verwirrend und intensiv. Die ganze Zeit fummelt neben mir jemand an der Soundanlage herum. Es ist Christoph Schlingensief der versucht, den Ton so laut wie möglich hinzukriegen ohne das es zu sehr scheppert. Das macht er nicht einmal, sondern den ganzen Film über. Ständig regelt er nach und versucht offenbar das Optimum aus Film und Kino hinzubekommen.

Wow, denke ich, der Film ist zwar Mist, aber der Autor ist ein besessener Perfektionist.

Nach dem Film steht Schlingensief dem Publikum Rede und Antwort. Es geht schon nach kurzer Zeit weniger um den Film als denn um die Kulturwelt an sich und natürlich über Schlingensief selber. Er erzählt belustigt, wie er nach dem Deutschen Kettensägenmassaker eine „seriöse“ Dokumentation für den WDR gedreht hat. Bei der Präsentation sind einige Redakteure aufgestanden, haben mit dem Kopf geschüttelt und sind rausgegangen. Die Dokumentation war kein Skandel, keine Provokation – sie war einfach nur eine liebevolle Beschreibung des Themas. Und damit entsprach sie so gar nicht der Schublade in die man ihn gesteckt hat.

Meine „Schlingensief-Schublade“ hatte ich nach diesem einen Kinoabend: Ein verrückter Selbstdarsteller. Jemand, der immer Teil seiner eigenen Kunst war. Ein Perfektionist der selbst das Scheitern perfektioniert. Eine Nervensäge, ein Moralist, jemand der seine Liebe breit verteilt. Einer, von denen man weiß das sie nur sehr selten gebaut werden.

Meine Kino-Begleitung gründete danach eine Familie mit jemanden, der viele Filme von Schlingensief geschnitten hat – die Welt ist klein.

Schlingensief ist heute an Krebs gestorben. Über seine Krankheit hat er ein Buch geschrieben. Man sollte das Buch nicht im Zug lesen – es sei denn, man heult gerne in der Öffentlichkeit:
So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!

Der Sensenmann hat scheinbar einen seltsamen Humor. Wie sonst kann man sich erklären, dass er Schlingensief die Möglichkeit gegeben hat, sein eigenes Leiden und seinen Tod noch zu inszenieren.

Ich hätte mir statt dessen lieber andere Werke von ihm gewünscht. Er vermutlich auch.

Liebes Sommerloch.

Hallo Sommerloch,

ich hoffe es geht Dir gut. Das Wetter war ja die letzten Tage nicht so super, es soll aber besser werden. Ich weiß natürlich nicht, ob ein Sommerloch Zeit hat, auch mal einen Abend im Biergarten zu verbringen. Schließlich hat man als Sommerloch doch einen engen Terminplan und muss die Lücke füllen, die unsere Politiker hinterlassen wenn sie sich in den Urlaub verabschieden.

Dieses Jahr hatte ich wieder mal viel Spaß mit Dir. Was für eine lustige Idee, diese Sache mit Street View. Da muss man erst mal drauf kommen. Wir haben ja eine einfache Regelung zu diesem Thema, die Panoramafreiheit. Außerdem gibt es schon seit Jahren Satellitenbilder auf denen man inzwischen erstaunliche Details sehen kann. Und klar, wir haben Picasa, Flickr und, und, und. Sprich: Die reale Welt ist schon längst in bel. Auflösung im Internet zu bewundern.

Ich wäre also nie im Traum darauf gekommen, dass man mit dem Thema Google Street-View einen ganzen Sommer füllen kann. Ähnliche Dienste gibt es schon lange, andere Dienste zeigen viel mehr Informationen und Street-View ist darüber hinaus ungemein praktisch wenn man sich ein Hotel oder die Gegend für den Urlaub mal eben anschauen will.

Aber, Hut ab liebes Sommerloch! Da zeigt sich einfach, dass Du Jahre lange Erfahrung hast. Ich hätte auch nie gedacht, dass es tatsächlich Politiker gibt, die auf diesen Zug aufspringen würden. Aber gut, ich bin auch kein Sommerloch, sondern nur ein kleiner Berater…

Ich freue mich schon riesig aufs nächste Jahr. Da wirst Du bestimmt wieder einen Kracher aus dem Hut zaubern. Was wird es wohl sein? Co2 in Sprudelflaschen schädigt das Klima? Hach, ich bin schon ganz gespannt …

Wie ich Dinge geregelt kriege

Methoden und Vorschläge zum Selbstmanagement gibt es ja wie Sand am Meer. Ein Klassiker ist natürlich GTD

Mittlerweile habe ich einige „Papiermethoden“ und Onlinetools ausprobiert. Gerne stolpert man bei solchen Tools in eine dumme Falle: Die Organisation der Aufgaben mit dem Tool nimmt fast mehr Zeit weg, als man spart. Es macht soviel Spaß, alle Aufgaben neu zu sortieren und sich neue Einteilungen auszudenken, dass man kaum noch dazu kommt, die Aufgaben auch zu erledigen …

Was ich dabei für mich gelernt habe:

  • Eine ToDo Liste muss einfach sein und darf nicht zu Spielereien verleiten
  • Ich muss meine wichtigsten ToDos auf einen Blick sehen können. Wenn es zuviele Kategorien gibt, klappt das bei den wenigsten Onlinetools.
  • (Der wichtigste Punkt) Die ToDo Liste muss sich in meinen Arbeitsstil einpassen. Wenn ich mit einem Papierkalender arbeite ist ein Onlinetool Unfug. Bin ich ständig online, brauche ich keine ToDo-Liste auf Papier.

Meine Lösung: Ich arbeite ständig mit Mindmaps. Das Tool meiner Wahl ist dabei MindMeister. Es gibt eine kostenlose Basisversion (Premium kostet um die 40 EUR/Jahr) und Apps für iPhone und iPad. Also habe ich auch eine sehr einfache Mindmap als ToDo Liste.

Es gibt nur folgende Felder: ToDo, ToDo Woche, ToDo Monat, Warten auf, Einkaufszettel, Termine und Unsorted.
todo.gif

Damit komme ich schon seit Monaten perfekt aus.

Links:

http://www.mindmeister.com/
http://www.rememberthemilk.com/?hl=de
Die 7 Wege zur Effektivität: Prinzipien für persönlichen und beruflichen Erfolg
Das neue 1×1 des Zeitmanagement: Zeit im Griff, Ziele in Balance. Kompaktes Know-how für die Praxis

Über Katastrophen

Das Desaster bei der Loveparade in Duisburg wird gerade in kleinen Schritten aufgeklärt. Immer mehr Informationen kommen ans Tageslicht und es zeigt sich, dass es sehr viele verschiedene Fehler gab die für sich genommen vielleicht nicht zwingend dramatisch waren, in Summe aber dazu geführt haben, dass 21 Menschen getötet wurden.

Schaut man sich große Unfälle genauer an, so stellt man immer wieder fest, dass es fast niemals eine oder mehrere große Ursache gab. Immer sind es viele Kleinigkeiten.

Beispiel: Three Mile Island
Der Atomreaktor von Thee Mile Island wäre 1979 fast in die Luft geflogen.
Eine der vermuteten Ursachen: Wasser war in ein Luftsystem gelangt. Wie das da hinein gekommen ist? Nun, ein menschlicher Fehler (so wird vermutet). Zuleitung für das Luftsystem und Zuleitung für Wasser hatten die gleichen Anschlüsse und jemand hat die verwechselt. Das muss man sich mal langsam auf der Zunge zergehen lassen. Da wird ein ungemein kompliziertes Gebilde erbaut und ein Grund für eine (fast) Kernschmelze sind zwei gleiche Anschlüsse.
Dies alleine hätte aber noch keine fatalen Auswirkungen gehabt. 2 Tage vorher wurde jedoch ein Test gemacht und nach dem Test hat man vergessen, zwei Sperrventile wieder zu öffnen.
Auch das hätte noch nicht schlimm sein müssen. Dummerweise wurden anschließend einige Anzeigen falsch interpretiert.
usw. usw.

Beispiel 2: Tschernobyl
7 Jahre später waren die Russen an der Reihe. Ein Sicherheitstest ging so gründlich in die Hose, dass anschließend der Reaktorkern offen lag – die Folgen sind bekannt
Auch hier waren es eine vielzahl kleinerer Fehler die dann im Desaster endeten.

Warum ist das so?
Nun, ein Grund nennt sich Komplexität. Der leider viel zu früh verstorbene Wau Holland hat dazu kurz vor seinem Tod ein sehr gutes Video zu aufgenommen:
http://chaosradio.ccc.de/ctv026.html

Für Projektleiter und Manager ergibt sich daraus eine sehr einfache Lehre: Du kannst nicht an alles denken!
Egal, wie gründlich man plant. Egal, was man alles vorausahnt: Es wird immer eine Überraschung kommen.

Ok, heißt das also, man kann sich eigentlich die Vorbereitung schenken. Natürlich nicht. Aber man darf nicht glauben, auf alles vorbereitet zu sein. Mehr noch: weil man keine Katasprophen ausschließen kann, muss man auf diese vorbereitet sein.

Bei Atomreaktoren wird dies z.B. berücksichtigt. Es gibt es die Vorgabe, dass die Betreiber – weil sie es nicht 100% verhindern können – Maßnahmen planen müssen, um dem größten anzunehmenden Unfall bewältigen zu können (und zwar, ohne das ihnen das Kraftwerk um die Ohren fliegt). Auch wenn umgangssprachlich dieser GAU inzwischen eine andere Bedeutung hat, ursprünglich war also ein GAU ein Unfall, der keine schlimmen Folgen hat.

Im Projektmanagement heißt das Zauberwort Risikomanagement. Ich kann nicht alle Probleme verhindern. Aber ich kann mich vorbereiten. Gute Projektleiter planen so, dass sie Risiken vermeiden. Sehr gute Projektleiter liefern noch Ergebnisse, wenn das Risiko eintritt.

Das Buch zum Film:
Bärentango: Mit Risikomanagement Projekte zum Erfolg führen

Gefährliches Komplimente

Wenn man ein sehr dickes Dokument herumschickt
… und wenn es erst lange keine Reaktion gibt
… und wenn dann als Reaktion aus allen Ecken überschwengliches Lob kommt.
… und wenn die einzigen Anmerkungen sich auf die ersten beiden Kapitel beziehen.

Dann kann man sich sein, niemand hat das Dokument gelesen.

Das geht dann ja so: Person A fragt Person B, wie er das Dokument findet. Person B hat es nicht gelesen und sagt daher (hat ja einen 50/50 Chance) „Ich denke, es ist echt super“ (Kritik ist schwierig, was soll man kritisieren wenn man den Inhalt nicht kennt) „Siehst Du das auch so?“. Person A hat es auch nicht gelesen und kann daher nur antworten „Ja, wirklich gut“.

(Natürlich bezieht sich das nur auf Dokumente anderer Personen. Die Sachen die ich schreibe sind selbstverständlich genial und werden völlig zu Recht gelobt :-) )

Ich werde alt

Es gibt ja Dinge, die einem niemand erzählt. Zum Beispiel, dass man sich eigentlich immer wie 15 fühlt – egal wie nahe man der Schnabeltasse schon ist. Trotzdem, manche Dinge sind für mich so verblüffend wie Raumschiffe für Stubenfliegen.

Eines dieser Dinge: IPTV der Telekom.

Seit einigen Wochen habe ich VDSL und schaue per Internet Fernsehen. Nachdem die ersten Hürden überwunden waren läuft es echt gut. An dieser Stelle mal ein dickes Lob für den Telekom-Support. Das ist in den letzten Jahren echt viel, viel besser geworden. Aber zurück zum Thema.

Ich habe meine erste E-Mail per Internet 1990 verschickt (ca. 1985 per Mailbox). Als ich studierte, gab es auf dem Campus eine 64kb Leitung. Später waren 2MB mehr als genug, um eine ganze Firma ins Internet zu bringen. Jetzt habe ich 25MB zuhause.

Das Ethernet-Protokoll (für die Laien: damit laufen die Daten in eurer Wohnung durch die Gegend) ist alles, nur nicht elegant und effektiv. Es hat sich gegen andere Protokolle durchgesetzt, weil es preiswerter und einfacher war damit Netze zu bauen. Das Internet-Protokoll selber ist zwar wirklich in einigen Teilen genial, aber es war nie dafür gedacht, Daten sehr schnell zu transportieren.

Wenn ich also jetzt auf meinem Sofa sitze und mein Fernsehbild aus dem Internet kommt – in HD und mit 5.1 Sound… dann ist da für mich nahe an Magie. Vor allem, wenn man die Details kennt. Es ist viel passiert, seit dem ich vor 30 Jahren meinen ersten VC20 hatte …

“Unser heutiges Thema: Regen”

„Unser heutiges Thema: Regen“
Na, welcher Radiomoderator fängt wohl eine Sendung so an und spielt dann nur Regenlieder?

Richtig! Alan Bangs.

Meine musikalische Sozialisation verdanke ich ja der 22 Uhr Schiene von WDR 2: „In Between“, „The Alan Bangs Connection“, „Blues at Night“, „Jazz“, „Schwingungen“, „Rockpalast“.

Wenn Radioverantwortliche das mit dem heutigen Programm vergleichen, müssten sie sich eigentlich aus Scham mit einem stumpfen Löffel selbst entleiben.

Irgendwann wurden die Sendungen zu WDR1 verschoben und anschließend kam 1Live und es war vorbei (Bangs wurde
1995 rausgeworfen, weil er trotz mehrfacher Ermahnung auf 1Live Oldies und dann sogar Chopin gespielt hat – was
für ein Frevel…)

Alan Bangs ist nicht nur ein grandioser Moderator und führt überragendende Interviews – er schafft es wohl auch immer wieder, es sich mit seinen Arbeitgebern zu verscherzen und hat darum nur sehr selten Sendungen.

Aber, oh Freude oh Freude: Er hat seit April eine wöchentliche Sendung auf DRadio Wissen. Sonntags von 23:00 – 00:00 Uhr darf er dort ans Mikro und das machen, was er am besten kann: Musik spielen die man sich sonst nie anhört – der man aber in der typischen Alan Bangs Kombination dann doch etwas abgewinnen kann.

Wunderbarerweise kann man den Sender auch per Internet empfangen:
http://wissen.dradio.de/index.15.de.html