Archiv für den Monat: Oktober 2005

1000 Fehler in der Projektleitung: 13

Schönrederei
Viele Projektleiter könnten aus dem Stand Kurse im positivem Denken geben. Sie scheinen auf dem Standpunkt zu stehen, wenn sie nur fest genug an den Erfolg glauben, tritt er automatisch ein. Probleme haben in einer solchen Welt keinen Platz. Sie werden so gut wie möglich unter den Teppich gekehrt. Das Ergebnis: In den wöchentlichen Reports ist die „Projektampel“ regelmäßig auf Grün. 2 Tage später ist das Projekt plötzlich blutrot. Oder: Das der Zeitplan nicht eingehalten werden kann wird erst 10 Stunden vor geplanten Launch zugegeben.
Dieser Standpunkt beruht ein einem großen Missverständnis: Es ist natürlich wichtig, Optimismus zu verbreiten. Es ist absolut notwendig, das Projektteam zu motivieren. Und natürlich soll man den Erfolg wollen – aber man sollte ihn nicht „herbeibeten“.
Es ist verständlich – wenn auch nicht immer sinnvoll und verzeihlich – im laufenden Projekt an der einen oder anderen Stelle nach der Methode „Augen zu und durch“ zu verfahren. Es sollte nur nicht zur Gewohnheit werden.
Unsere Arbeitskultur boykotiert unsere Arbeit: Der erste Schritt ist oftmnals nicht, Probleme auf den Tisch zu bringen. Zuerst wird sicher gestellt, dass man einem Sündenbock findet dem man die Schuld geben kann, wenn etwas schief läuft. Aber: Man gewinnt im Team, man verliert im Team. Wer anders denkt – und das machen leider 70% aller Projektleiter – hat das Projekt schon versenkt. Noch besser: In manchen Firmen können gerade die Mitarbeiter welche den Finger in die Wunde legen ihre Beförderung vergessen. Schon immer wurde gerne der Bote geköpft …
Was man tun kann:
Absolute Ehrlichkeit zum Projektstart vereinbaren: Jedes Projektmitglied wird darauf eingeschworen, Probleme schnell und offen anzusprechen. Vorsicht: Das ist viel schwerer als es klingt. Der Grad zwischen dem Ansprechen von Problemen und „Mießmacherei“ ist schmal.
Eine Projektkultur einführen bei der man auch seine Schwächen haben darf. Es ist schwer den Mut aufzubringen und zuzugeben, dass man für die vorgesehene Aufgabe vielleicht doch nicht 100% vorbereitet ist und evtl. Hilfe benötigt. Als menschliche Wesen sind wir alle extreme Egoisten. Mussten wir auch sein um in der Steinzeit zu überleben. Für eine sinnvolle Projektarbeit ist es tödlich.
Ich kenne eine Firma, in der man fast nie einen Entwickler alleine vor seinem Bildschirm sieht. Immer sitzen 2, 3 Leute zusammen. Wenn jemand nicht weiter kommt hängt er nicht verweifelt vor seinem Rechner und versucht, dass Problem selber zu lösen (wer weiß, was die Anderen über mich denken, wenn ich XYZ nicht kann). Statt dessen wird sofort um Hilfe gerufen. Produktivität und Qualität dieses Teams sind enorm.
Auf der anderen Seite trifft man witzigerweise gerade in jungen, hippen Internetfirmen Projektleiter mit 3 Monaten Berufserfahrung die sich lieber die rechte Hand abhacken würden an statt Unsicherheiten zuzugeben.

Spaß mit der DiBa

Ich habe schon seit Jahren ein Konto bei der ING-DiBa. Früher war das sehr praktisch da man weltweit ohne Gebühren an allen Geldautomaten Bargeld bekam. Das ist schon länger nicht mehr der Fall. Da die „neue Generation Bank“ (Eigenwerbung) sich weigert, auf die aktuelle Generation Online-Banking (HBCI) zu wechseln, wollte ich eh‘ bald kündigen. Heute haben sie den Wunsch beschleunigt:
Mir wurden für Abhebungen an DiBa Geldautomaten Gebühren erhoben. Ich rufe also an und beschwere mich. Ergebnis: Das Problem ist bekannt, die Gebühren werden erstattet. Wie bitte?!? Man kennt das Problem und hat es nicht nötig, seine Kunden zu informieren?!? Ich muss erst selber anrufen? Zumindest ein Hinweis beim Online-Banking hätte ich erwartet! So stelle ich mir keine vernünftige Kundenbetreuung vor. Mal schauen, wie sich die comdirekt (Commerzbank-Tochter) anstellt. Zumindest die Banking Oberfläche sieht sehr gut aus.

New Economy Erinnerungen 3/3

Pixelpark, Berlin

Nun also Berlin. Wenn man von Hamburg nach Berlin zieht, verwirrt man seine (Hamburger)Mitmenschen. Hamburger verstehen nicht, wieso man auf die Idee kommen könnte, nach Berlin zu ziehen. Bis dahin war mir der tiefe Graben zwischen diesen Städten nicht bewusst. Vielleicht war der Transrapid darum ein Flop…

Pixelpark brauchte recht lange, meine Bewerbung zu bearbeiten. In der Zwischenzeit hatte ich schon einen Arbeitsvertrag bei einer anderen Firma ausgehandelt. Spät, aber dennoch, bekam ich aber einen Gesprächstermin. Die Location: Altes Fabrikgebäude in Moabit. Alles sehr schickt eingerichtet. Mein Bewerbungsgespräch findet im Großraumbüro neben dem Empfang statt. So habe ich Gelegenheit, mir meine zukünftigen Kollegen schon mal näher anzuschauen: sehr jung, sehr beschäftigt, sehr modisch. Ich bin mit meinem Anzug die absolute Ausnahme im Gebäude.

Nach ein paar Wochen Einarbeitung bin ich mitten im Geschehen: E-Commerce Service und Solutions. Von 0 auf Frequent Traveller in 3 Monaten. Wir haben soviele Projekte, dass ein Kollege aus New York lästert, wir würde neue Kunden gewinnen in dem wir das klingelnde Telefon abnehmen. Ich selber habe plötzlich 5 große Projekte an der Backe. Seit dem halte ich mich für recht Stresserprobt, kenne aber auch meine körperlichen Grenzen.

Meine Freundin meint, Pixelpark sei eine Sekte. Wir hätten sogar eine eigene Sprache. So ein Quatsch:
Ich habe ihr einfach den USP von PP nicht transparent genug kommuniziert. Ok, wir haben auch keine Aufgaben mehr, sondern „für das Thema den Hut auf“. Und „Ich seh‘ dich da ganz stark, das ist genau dein Thema“.

Die Kehrseite der Geschichte: Ein Kollege fährt im Rollstuhl durch die Gegend – er war völlig übermüdet gegen einen Baum gefahren. Eine andere Kollegin wird völlig erschöpft vom Hotelzimmer ins Krankenhaus gebracht und an den Tropf gehängt.

6 Internetmonate sind wie 2 Jahre im „echten“ Leben. Länger als 2-3 Jahre bleibt fast niemand bei Pixelpark. Entweder sind die Leute völlig am Ende, oder sie machen sich selbstständig.

Meine liebste Geschichte: Pixelpark zieht von Moabit nach Friedrichshain um. Moabit war der Fast-Food Himmel. Frichdrichshain, na ja. Ein Web-Entwickler macht daraufhin einen Tex-Mex Lieferservice und später sogar ein Restaurant auf.

Das sind die schönen Erinnerungen: Selbstständigkeit und Ideen gab es mehr als genug. Es herrschte ein wunderbarer Geist: Wir surfen auf auf der Welle. Wir machen die Trends. Mehr noch: Wir sind der Trend. Unsere Kunden schmücken sich mit uns als Dienstleister – nicht umgekehrt. Schließlich sind wir auch teuer genug („Du, ich habe da einen Kunden für eine Web-Seite. Der hat aber nur 150.000 EUR. Ich sage dem besser mal ab“).

Viele Projekte sind grandios und laufen wunderbar – einige Projekte werden gegen die Wand gefahren. Später wird man nur noch von den gescheiterten Projekten hören. Zu Recht: Pixelpark hatte nie gelernt, mit Niederlagen umzugehen. Schlechte Projekte wurden einfach ignoriert. Als der Wind härter wurde, war Pixelpark völlig unvorbereitet. Niemand wusste, was zu tun.

Ich (und neben mir viele andere Kollegen) merkten Ende 2000 das die Party langsam vorbei ist. In der Boom-Phase wurden viele, zuviele Leute eingestellt. Plötzlich ist nicht jeder engagiert, motiviert und hoch qualifizert – plötzlich arbeitet man mit vielen Pfeifen zusammen die ihren Job nicht können. Das war kein Beinbruch. Noch bekamen wir jede Woche mindestens einen Headhunter-Anruf. Der Absprung war also (noch) nicht schwierig – später sollte der Name Pixelpark im Lebenslauf Garant für eine schnelle Ablehnung der Bewerbung werden.

Was bleibt: Wir haben in einer Arbeitswelt gearbeitet die es so schnell nicht wieder geben wird. Neue Technologien die eine solche Aufbruchsstimmung hervorbringen gibt es vermutlich nur alle 100 Jahre. Ich habe in 2 Jahren Berlin mehr gelernt als andere Leute in 10 Jahren. Ich habe wunderbare inspirierende Menschen getroffen. Ich habe allerdings auch gelernt, kritischer hinzuschauen. Es ist heute viel schwieriger, mich zu beindrucken.

Ich habe bestimmt ein Jahr gebraucht, mich von der Achterbahnfahrt Pixelpark zu erholen (soviel zum Theme Sekte …). Ich erinner mich an Parties, ich erinner mich an extremen Stress, durchgearbeitete Nächte, böse Streits mit anderen Abteilungen und Wochen in denen ich keine Zeit für einen Supermarktbesuch hatte.

Ist das eine Erfahrung, die man anderen Menschen wünscht? Eher nicht.
Würde ich es nochmal machen? Jederzeit!

New Economy Erinnerungen 2/3

Die Web-Agentur, Hamburg
In der Stellenausschreibung wurde ein Security-Experte gesucht. Ich rief an und vereinbarte, meine Bewerbungsunterlagen vorbei zu bringen. 3 Stunden später verließ ich den Laden als neuer Entwicklungsleiter…
Die Agentur saß am Anfang der Reeperbahn (schräg gegenüber AOL). Kleiner Nachteil: Es gab noch gar keinen Softwareentwicklungsbereich. Meine Aufgabe war es also, in kurzer Zeit ein komplettes Team aus dem Boden zu stampfen. Leider war es 1998 und Softwareentwickler mehr als gesucht. Ich habe trotzdem täglich mehrere Bewerbergespräche geführt und ein Team auf die Beine gestellt.
Einmal scheiterten wir leider am Ausländerrecht: Ein Student der Hamburger Uni konnte nicht eingestellt werden. Er war Russe und musste erst zurück in sein Heimatdorf, dort ein Visum/Arbeitserlaubnis beantragen und ein paar Monate warten. Einfach vom Studium ins Berufsleben wechseln ging nicht. Schade, ich hätte ihn gerne eingestellt. Einer der besten Entwickler war früher Straßenbauer und musste den Job gesundheitsbedingt aufgeben. Er war richtig gut (und würde heute vermutlich nur schwer einen ähnlichen Job finden können).
Spaß machten die Kunden, die bis vor kurzem von gar keine Computer in ihren Büros hatten: Hamburger Privatbanken die ins Internet wollen – Me Too Auftritte halt. Daneben gab es ein Konzept für ein Knowledge-Management-System – auch ein mittlerweise fast schon verbotenes Buzzword.
Aber das Konzept war eigentlich nicht schlecht. Die Umsetzung hätte zwar einige Millionen verschlungen, aber darum machte man sich 1998 ja eher weniger Sorgen…
Das Konzept/Produkte nannte sich Opentrust. Lustig ist der Titelschutz-Anzeiger in dem auch OpenTrust auftaucht (1999). Hier findet man einen Schutzeintrag für alles das „@Home“ beinhaltet. Dann findet sich das IT-Journal, E-Games, Gamesdownload.de, censio, e.ticker usw. usw. – und das nur für eine Woche.
Die Agentur gibt es heute noch. Dazwischen kam die Standard-NewEconomy Entwicklung: von 10 auf 200 und wieder auf 10 Mitarbeitern in 3 Jahren. Ich ging in der Boomzeit und wechselte zu Pixelpark nach Berlin. Aber das ist eine andere Geschichte…

New Economy Erinnerungen 1/3

Wenn die New Economy jetzt eh‘ schon wieder Einzug hält, kann ich auch mal ein wenig in meinen New Economy Erinnerungen schwelgen.
Teil 1 von 3: Der Internetprovider
Wir schreiben Mitte der 90’er Jahre. Das Internet unternimmt gerade die ersten vorsichtigen Schritte in Richtung Privatanwender. Ich war schon ein wenig früher aktiv. Meine erstes Usenet Posting habe ich so um 1989 gelesen. Vorher gab es Mailboxen – da war ich so ab 1985 dabei. Nachdem ich schon bei Prima mitgemacht hatte, lag es irgendwie auf der Hand bei einem Internetprovider anzufangen.
Wir waren NewEconomy, wussten es aber nicht. Die Firma hatte 3 Geschäftsführer welche sich gerne und lang stritten. Die Arbeitslast war enorm, aber es hat Spaß gemacht. Wir haben neben dem reinen Internetgeschäft auch Firewalls und Internet-Cafes verkauft. Nebenbei bemerkt: Die Firewalls gab es auch von einer Firma namens Biodata welche später einen beeindruckenden Börsengang nebst noch beeindruckender Pleite hingelegt haben.
Ich war normaler Softwareentwickler und irgendwann sauer auf meinen Chef. Weil mir nix besseres einfiel, habe ich ihm irgendwann ein paar Bücher zum Thema Softwareprojekte und Teamführung auf den Tisch geknallt: „Hier, lies das. Vielleicht hilft es ja“. Statt mich im hohen Bogen rauszuwerfen kamen wir im Zuge der Diskussion an einen Punkt der ungefähr so ging:
Chef: „Ja, ich würde ja auch gerne einen Teamleiter einstellen, aber ich finde niemanden.“
Ich:“Dann nimm halt mich.“
Chef:“Ja, das können wir auch machen“
Auch ein Weg, befördert zu werden …
Der Umgang der Mitarbeiter mit der Geschäftsführung war eh‘ ein wenig speziell. Irgendwann einmal war der Frust so groß, dass alle Mitarbeiter die Geschäftsführung Samstag Nachmittags auf ein Bier „einluden“ und ihnen eine Forderungskatalog präsentiert haben. Tenor: Ihr ändert das alles, oder wir kündigen. Heute kaum noch vorstellbar. Auf der anderen Seite gab es ein riesigen „Wir“ Gefühl. Jeder war wichtig und jeder half jedem. Auf der Weihnachtsfeier war selbstverständlich auch die Putzfrau dabei, sie gehört schließlich zu Firma. Damals war das selbstverständlich, ich habe es aber seit dem nie mehr so erlebt. Wir viele von uns war das der erste „echte“ Arbeitgeber nach vielen Studentenjobs. Plötzlich diente der Job nicht nur dazu, seine Brötchen zu verdienen. Der Job wurde Teil des Privatlebens, die Kollegen Freunde und zum ersten Mal stellten wir fest: Arbeit kann auch Spaß machen. Allerdings lernten wir auch schnell: Arbeit kann einen von der restlichen Welt fernhalten und ungesund werden.
Eines Tages zog es mich aus dem Ruhrgebiet in die Ferne und es kam zu Teil 2: Die Web Agentur, Hamburg und Teil 3: Pixelpark, Berlin. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.

New Economy Reloaded

Und plötzlich tauchen sie alle wieder auf.
Zuerst mal ein Outing: Ja, ich habe eine New Economy Vergangenheit. Laut „Wie wir waren“ von Constatin Gillies haben in Deutschland ca. 50.000 Menschen direkt in NewEconomy Firmen gearbeitet – und ich war einer davon. Kurz vor dem Börsengang habe ich in Berlin bei Pixelpark angefangen. Wir hatten Spaß, wir haben hart gerbeitet, wir haben gute Projekte gemacht, wir haben Müll produziert. Irgendwann brach die Geschichte bekanntermaßen zusammen und wir verteilten uns quer durch alle Branchen und Landstriche. Von vielen Leuten mit denen ich zu der Zeit gearbeitet habe ich in der Folgezeit eher wenig gesehen.
Mittlerweile hat sich der Sturm ein wenig gelegt und eine NewEconomy Firma ist nicht mehr automatisch der Todesstoß jedes Lebenslaufs. Im Gegenteil: Plötzlich kommen alle wieder. Ich habe in diesem Sommer enorm viele Leute aus dieser Zeit wieder getroffen. Scheinbar graben sich alle aus den Löchern in denen sie sich versteckt hatten, klopfen sich den Staub ab und machen weiter – nicht, als sei nichts geschehen, aber immer noch mit viel Engagement. Viele arbeitet mittlerweise selbstständig. Was nur konsequent ist, bei Licht betrachtet haben wir das schon als Angestellte in den NewEconomy Firmen genmacht …

War die NewEconomy ein Flop? Nein: Beispielsweise fahren Ebay, Amazon, Jamba und viele andere
E-Commerce Auftritte mittlerweise gute Gewinne ein. Das in Aufbruchsphasen viele Firmen wieder pleite gehen ist völlig normal (es gab ja auch mal viele deutsche Motorrad-Hersteller die heute nicht mehr existieren). Anderes Beispiel: Otto.de und tchibo.de – hier werden Milliardenumsätze errreicht!
Hatte die NewEconomy Auswirkungen auf die heutige Arbeitswelt? Definitiv! Ich habe momentan ein Projekt bei einem deutschen Großkonzern. So grob geschätzt gibt es hier im Gebäude ca. 10 Kicker-Tische (Wobei ich anmerken möchte, dass es bei Pixelpark soweit ich mich erinnern kann gar keine Kicker gab. Wozu auch, dafür hätten wir eh‘ keine Zeit gehabt…). Daneben sind Dienstleistungen wie Hemdenbügelservice etc. in vielen Firmen zur Selbstverständlichkeit geworden.

1000 Fehler in der Projektleitung: 12

J2EE ist auch nur eine Sprache – Quark, es ist eine Architektur

Vor einiger Zeit bei einem eigentlich sehr kompetenten Dienstleister.
Ich: “Ich kenne Sie als einen sehr erfahrenen Dienstleister im Bereich von MSWindows Applikationen. Wie sieht ihr Know How im Bereich J2EE aus?“.
Geschäftsführer: “Ach wissen Sie, wir arbeiten ja sehr strukturiert und konzentrieren und auf Methoden. Ob wir Java oder C++ programmieren macht da ja keinen Unterschied mehr“.
Gute Antwort, sie hatte nur leider nichts mit meiner Frage zu tun. Natürlich ist Java eine Sprache von vielen. J2EE (Java 2 Enterprise Edition) ist jedoch eine Architektur! Neben den Spracheigenschaften definiert J2EE noch viel mehr. Stichwörter sind u.a.
– Komponenten (die Enterprise Java Beans), – Laufzeitumgebung für Komponenten (der Java Applikationserver),
– Schnittstellenspezifikationen,
– Architekturparadigmen (Serviceorientierte Architektur) usw.
Durch den Einsatz von J2EE ergeben sich automatisch massive Auswirkungen auf die Architektur. Und das nicht erst in der Softwareentwicklung, sondern schon in den ersten Phasen der Analyse. Von N.Wirth kennt man die Behauptung, wenn man das Datenmodell aufgestellt habe, habe man 80% der Applikationen erstellt. Die Analysephase für J2EE Applikationen sollte sich jedoch eben nicht auf das Datenmodell, sondern auf Prozesse, Schnittstellen und Objektmodelle konzentrieren. Das Datenmodell (und damit auch die Datenbank) treten stark in den Hintergrund2.
Die traurige Wahrheit:
70% der große Dienstleister haben ein absolut unzureichendes J2EE Know-how!
Sie treten aber mit eben diesem Know-how an und jagen den kleinen wirklich kompetenten Firmen mit ihrem bekannten Namen das Projekt ab. Anschließend bauen diese Firmen langsame, unstabile Applikationen, erstellen datenbanklastige Konzepte und halten Web-Frontends für Unfug. Der Kunde kann natürlich nicht erkennen, dass sein Dienstleister gar nicht wirklich J2EE baut und sieht nur, dass das Ergebnis ihn nicht wirklich zufrieden stellt. Die – falsche – Schlussfolgerung: J2EE taugt nichts. Die Softwarebranche steht vor einer weiteren Stufe der Professionalisierung: Der Spezialisierung.
Wie in anderen etablierten Ingenieurs-Disziplinen auch wird es nicht mehr den „Alleskönner“ gegeben. Genau wie man sich im Laufe seines Berufslebens beispielsweise für Hoch- oder Tiefbau entscheidet, werden sich sowohl Entwickler wie auch Architekten in der Zukunft viel stärker als jetzt spezialisieren müssen.
Was man tun kann:
– Vorbereitung, Vorbereitung, Vorbereitung. Vertriebler erzählen ihren Kunden gerne, dass ihre Mitarbeiter gut ausgebildet seien; sie sind Experten mit jahrelanger Erfahrung in genau dem Problem welches man gerade gelöst haben möchte. Welch ein glücklicher Zufall. Nach Projekstart stellt sich dann heraus, dass die Projektmitglieder neu im Team (oder gar extern eingekauft) sind. Also: Sich das Team vorher benennen lassen. Die Leute auf Herz und Nieren prüfen. Gute Dienstleister werden damit keine Probleme haben. Schlechte Dienstleister kommen in Erklärungsnot. Besorgen Sie sich einen J2EE Experten dem sie vertrauen und lassen sie ihn eine Stunde mit den angekündigten Experten alleine. Sie geben sehr viel Geld für das Projekt aus. Also dürfen Sie auch gute Qualität erwarten. Die Qualität hängt nicht in den Prozessen, sie hängt nicht bei den Vertrieblern, sie liegt bei den Mitarbeitern!
– Architekturreviews: Viele Projektleiter mögen es nicht, über Architektur nachzudenken. Sie haben schon genug damit zu tun, die fachlichen Anforderungen zu verwalten. Die Architektur wird komplett dem Dienstleister überlassen. Warum? Nur um kurzfristig ein paar Euro zu sparen? Die Lösung soll doch einige Jahre halten, oder? Die Lösung soll erweiterbar sein. Also ist neben den fachlichen Aspekten die technische Umsetzung enorm wichtig. Daher sollte die Architektur (am besten von externen Personen) ständig überprüft und ggf. verbessert werden. Das kostet Geld, keine Frage. Aber es spart mittelfristig riesige Summen!

1000 Fehler in der Projektleitung: 11

Projekte sind kein Schnellboot
Was unterscheidet eigentlich Linien- von Projektarbeit? Zuerst schwebt einem vermutlich so etwas wie: „Linienarbeit ist starr, unflexible usw. und Projektarbeit ist schnell und flexibel“ vor. Das war schließlich die Motivation für die Einführung von Projektarbeit: Kleine, schlagkräftige Einheiten.

Dummerweise trifft das für viele kritische IT Projekte gar nicht zu. Projekte, an denen zeitweise 100 Beteiligte aus 5 verschiedenen Firmen zusammen arbeiten können beim besten Willen nicht klein und schlagkräftig genannt werden. IT Projekte sind heutzutage so komplex, dass die Grenzen zwischen Linie, Projekt- und Produktentwicklung mittlerweile fließend sind.

Das hat dramatische Einflüsse auf die Arbeit eines Projektleiters. Viele Projektleiter sind der Meinung sie seinen in der Lage, wichtige Entscheidungen im laufenden Projekt zu fällen. Sie denken, sie fahren mit einem Schnellboot durch das Projektgewässer und umkurven munter alle auftauchenden Hindernisse. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt …
Projekte gleichen heute eher großen Tankern. Entscheidungen haben nicht sofortige Auswirkungen, sondern können nur langsam umgesetzt werden. Sprich, wenn der Eisberg in Sicht ist, ist es zu spät. Besser, man schaut sich vorher den Wetterbericht an und sucht sich eisfreies Fahrwasser.

Langer Rede, kurzer Sinn: Vorbereitung ist alles.

Aber moment! Wird nicht ständig von agilen Methoden gesprochen?
Heißt es nicht immer wieder, flexibles Anforderungsmanagement, flexibles Projektmanagement, flexibles WasAuchImmer sei der Schlüssel zum Erfolg?
Sollen wir jetzt doch wieder zurückkehren zu dem klassischen Wasserfallmodell?

Nein, natürlich nicht. Tatsächlich müssen gerade für aktuelle Projektmethoden die einzelnen Beteiligten hervorragend vorbereitet sein. Man kann moderne Projektarbeit vielleicht mit Musikern vergleichen, die sich spontan zum musizieren treffen. Je besser die einzelnen Musiker sind, desto weniger Absprache ist notwendig. Nichts ist besser als ein neues Bandmitglied welches den Raum betritt und sagt „fangt an, ich steig dann mit ein“. Und nichts zerrt mehr an den Nerven als eine Band die kein Stück zu Ende spielen kann weil ständig jemand abbricht wenn irgendeine Kleinigkeit nicht richtig klappt.

Gute Vorbereitung und Spontanität schließen sich nicht aus, ganz im Gegenteil. Erfahrung und Vorbereitung erlauben es erst, auf neue Situationen sinnvoll zu agieren an statt panisch zu reagieren, Eben, weil die Situation gar nicht wirklich neu ist, sondern schon im Vorfeld beispielsweise im Rahmen eines Risikomanagements durchgespielt wurde.

Oder anders ausgedrückt: Wer gut vorbereitet ist, hat keine Furcht vor dem Eisberg.

Er weiß vorher wie man ihm aus dem Weg geht, wie man ihm wegsprengt und wann es Zeit ist, die Rettungsboote zu besteigen…

Was man tun kann:
Zum Projektstart sicher stellen, dass alle Beteiligten die notwendigen Fähigkeiten sowohl technische wie auch methodisch besitzen. Evtl. im Projektplan explizit Zeit für Schulungen einplanen (vielleicht nicht unbedingt in den Plan, den der Kunde bekommt …)

Risikomanagement betreiben! Schönwetterprojektmanagement kann jeder. Die Kunst liegt darin sich schon im Vorfeld – wie auch ständig im Projekt – zu fragen, was kann schief gehen? Wie sieht mein „Plan B“ für diesen Fall aus?

Das Projektziel klar definieren. Eine Kick-Off Veranstaltung sollte nicht als reine „Motivationsrunde“ missverstanden werden. Es ist eine Chance, gemeinsam mit allen Beteiligten das Projektziel zu definieren. Und, noch wichtiger, es ist eine Chance, das Ziel auch in Frage zu stellen! Angenommen, Sie seien beim TollCollect Kick-Off dabei gewesen. Der Moderator spricht davon, in nur 12 Monaten ein komplexes absolut neuartiges System einzuführen. Was hätten Sie gedacht? Vermutlich hätten Sie aus dem Bauch heraus schon 12 Monate für die Testphase veranschlagt, oder?. Evtl. hätten Sie über mehrere Phasen statt eines „Big- Bangs“nachgedacht. Ich habe keine Ahnung, ob es eine derartige Kick-Off Veranstaltungen bei TollCollect gegeben hat. Aber ich bin mir sicher, dass falls es sie gegeben hat 80% der Anwesenden ähnlich gedacht haben (minimales Sachverständnis vorausgesetzt). Was wird aber wohl passiert sein? Es gab eine Rede die mit Vokabeln wie „große Herausforderung“, „extrem sportliches Ziel“ usw. gefüllt war. Niemand hat hingehört („war ja eh‘ nur der übliche Motivationsblaba“) und Bedenken erst später in der Teeküche geäußert…

Projektleiter und Technik

In der Liste der Google-Suchbegriffe die auf diese Seite führen habe ich „software projektleitung muss etwas von technik verstehen“ gefunden. Das kann ich ja nur unterschreiben.
Es gibt leider etliche IT-Projektleiter die kein Technikverständnis mitbringen. Die Begründung geht meistens in die Richtung „Ich bin Generalist und kümmer mich um Strukturen und Prozesse, da brauche ich kein Technikwissen.“.
Sehe ich anders: Ein guter IT-Projektleiter braucht Fachwissen, Prozess-KnowHow und zumindest ein Verständnis von Softwaretechnologie. Das macht den Job anspruchsvoll, keine Frage. Aber ansonsten kann man meiner Menung nach nicht erfolgreich arbeiten. Es ist eher ein Blindflug denn echtes Projektmanagement: Die Entwickler nehmen solche Projektleiter nicht ernst, er kann Aussagen externer Dienstleister nicht bewerten und Fachanforderungen sofort mit der „Technikbrille“ lesen kann er auch nicht. Sprich: Er stört mehr, als er denn hilft.
Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich eigentlich gar nicht, warum soetwas überhaupt in unserer Branche diskutiert wird. In jeder Ingenieur-Disziplin ist es selbstverständlich, dass Führungskräft Fachwissen mitbringen. Jeder E-Technik Student muss im Rahmen seines Studiums Praktika machen („U-Stahl rundpfeilen“ – großer Spaß“). Das gilt auch für Maschinenbauer, Architekten usw. usw. Niemand käme auf die Idee, in diesen Bereichen Menschen ohne Technikwissen Führungsaufgaben zu geben. Warum dann in der Softwarebranche?
Kleine Anekdote: Ich war als Technikberater in der IT-Abteilung (!) einer großen Firma. Als ich nach der Mittagpause mit einer ix (sehr IT-lastige Zeitschrift) ins Büro kam, wurde ich verspottet wie man denn so ein Nerd-Blatt lesen könnte. Wohl gemerkt, ich war in der IT-Abteilung. Und niemand von den Leuten konnte mit den Inhalten der Zeitschrift etwas anfangen – peinlich.
Leider gibt es unter den IT-Projektleitern sehr viele Quereinsteiger die nicht aus der Informatik kommen. Darunter gibt es sicherlich auch sehr viele gute Leute. Nur leider gibt es auch sehr viele Nullen die leider noch nicht mal merken, welchen Schaden sie anrichten. Also lieber Projektleiter ohne IT-Wissen: Tut euch selber einen gefallen und arbeitet euch ein wenig in die Thematik ein.